Woody Brown: Ein ganz normales Wunder

buecherfreuden • 1. Oktober 2026

Upward Bound

Der hochbegabte, aber nicht sprechende Autist Walter kann sich nur mittels einer Buchstabentafel mit seiner Mutter verständigen, hat sich aber dank ihrer Hilfe einen Hochschulabschluss erarbeitet. Aufgrund einer familiären Tragödie landet er in Upward Bound, einer Tagesstätte für erwachsene Menschen mit Behinderung, wo er auf andere Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen und wohlmeinende, aber nicht immer kompetente Pflegepersonen trifft.

Aus unterschiedlichen Perspektiven setzt sich in diesem Roman ein vielfältiges Bild menschlicher Schicksale zusammen. Mich hat vor allem berührt, wie Menschen, die nicht oder nur wenig über Lautsprache kommunizieren können, eigentlich nur betreut, aber kaum gefördert werden. Auf der anderen Seite wird gezeigt, dass auch die Verantwortlichen sich andere Möglichkeiten wünschen, aber durch Personalmangel und Geldnöte eingeschränkt sind.


Ich fand es interessant, einen kleinen Einblick in das Denken und Fühlen von Menschen mit Behinderung zu bekommen, aber insgesamt hat mich die Geschichte eher deprimiert als mit Hoffnung erfüllt. Ein bisschen episodenhaft erfahren wir etwas über die Gäste und Mitarbeiter von Upward Bound, und auch wenn Walter am Ende eine neue Richtung einschlägt, gibt es doch keine positive Perspektive für die anderen Besucher der Einrichtung.


Ein Schatten fällt außerdem auf dieses Buch, weil die Autorenschaft von Woody Brown aufgrund der verwendeten Kommunikationsmethode (FC: facilitated communication) umstritten ist. Meine Bewertung begründet sich jedoch in meinen eigenen Leseeindrücken und nicht in der Frage, ob letztendlich Woody oder seine Mutter das Buch geschrieben hat.


Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich die Lektüre interessant fand und mich nach anfänglicher Verwunderung auch mit den verschiedenen Sichtweisen angefreundet habe. Ich empfinde es als wertvoll, etwas über nicht sprechende Autisten erfahren zu haben. Mit diesem Thema bin ich bisher nicht in Berührung gekommen. Für mich war es aber insgesamt eher niederdrückend, und ich habe mich gefragt, wie der Verlag auf den verheißungsvollen Titel „Ein ganz normales Wunder“ gekommen ist und worin das Wunder wohl besteht.


Woody Brown: Ein ganz normales Wunder

Erschienen am 3.9.2026 bei Kiepenheuer & Witsch. Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch


Kurz & knapp: Ein interessanter und berührender Roman über nicht sprechende Autisten und den Umgang mit Menschen mit Behinderung – der mich allerdings eher nachdenklich und bedrückt als hoffnungsvoll zurückgelassen hat.


Verortung: Belletristik | Autismus | Behinderung | Kommunikation | Pflege | Schicksale


Stimmung: berührend * leise humorvoll * nachdenklich


Bücherfreuden: 😊😊😊1/2


Zur Verlagsseite 


von buecherfreuden • 1. Oktober 2026
Forschung unter vollen Segeln
von buecherfreuden • 29. September 2026
Magie der Kindheit
von buecherfreuden • 28. September 2026
Rettung der Zeit
von buecherfreuden • 17. September 2026
Der Absprung
von buecherfreuden • 14. September 2026
Sich dem Bösen entgegenstellen
von buecherfreuden • 13. September 2026
Werkzeug der Götter
von buecherfreuden • 9. September 2026
Abschied
von buecherfreuden • 8. September 2026
Märchen mit Schattenseiten
von buecherfreuden • 5. September 2026
Die Artefakte des Goldkönigs
von buecherfreuden • 19. August 2026
Türen zu neuen Welten
Mehr entdecken