Ich bin mit falschen Erwartungen an diesen großartigen Roman herangegangen und hatte etwas Leichtes, Romantisches und vielleicht sogar Humorvolles erwartet. Stattdessen erzählt H. G. Parry eine ernste, dramatische und stellenweise tragische Geschichte, in der Magie weniger Zauber als vielmehr Wissenschaft ist. Zu Beginn nimmt sich die Erzählerin Clover viel Zeit, um ihre Familiengeschichte und ihre eigene Entwicklung zu entfalten. Es ist die Geschichte eines harten, entbehrungsreichen Lebens voller Pflichten und schmerzhafter Verluste, eines beharrlichen Ringens um den eigenen Weg und der Einsamkeit einer Außenseiterin.
Mit der Aufnahme in den Freundeskreis verändert sich Clovers Lebensgefühl grundlegend – und auch ihr Fokus. Gemeinsam mit Alden sucht sie nach einem Weg, auf sichere und kontrollierte Weise mit der Feenwelt in Kontakt zu treten.
Im zweiten Teil gewinnt der Roman deutlich an Tempo: Die Handlung spitzt sich dramatisch zu, wird zunehmend spannender und führt konsequent zu einem tragischen, folgerichtigen Ende.
Besonders gefallen hat mir die Erzählstimme – reif, reflektiert, ehrlich und von einer leisen Melancholie durchzogen. Als Leserin konnte ich Clovers Motivation und auch ihre teilweise falschen Entscheidungen sehr gut nachvollziehen. Eddie, Hero und Alden sind lebensecht und feinfühlig gezeichnet und wachsen einem unweigerlich ans Herz.
Ich habe diesen Roman als außerordentlich atmosphärisch, klug konstruiert und tief bewegend empfunden – ein stiller, intensiver Fantasyroman, der lange nachhallt und mich vollkommen überzeugt hat.
H. G. Parry: The Scholar and the last Faerie Door
Erschienen am 24.10.2024 bei Orbit. Bildrechte: Orbit










